Perfektionismus – verurteilt zum Nichtstun?

Der  liebe, gute Perfektionismus, der oft mehr verhindert, als uns hilft.

Ich möchte euch eine Geschichte erzählen.

Meine überaus geliebte Oma kochte fast ihr ganzes Leben lang für uns. Sie kam am Vormittag in mein Elternhaus und kochte für mich, meinen Geschwistern, Eltern und unseren Angestellten. Wir waren eine große Familie und es war bei uns so Brauch, dass auch die Angestellten (wir hatten einen Betrieb) am Mittagstisch sitzen konnten.

Unser Tisch war groß, so groß, dass wir in der Mitte nicht zusammen langen konnten. Oma kochte sehr gut, es gab immer eine richtig tolle Hausmannskost. Suppe, Hauptspeise, Salat und Nachspeise.

Sehr oft kochte sie mir mein Lieblingsessen, weil sie mir so gerne eine Freude bereitete: Griesschmarren mit Apfelmus (natürlich selbst gemacht) oder einen Apfel-„Tommerl“ oder einen super leckeren Apfelstrudel.

Apfelstrudel gab es immer zwei Varianten: Einen Strudel nur mit Äpfel, Zimt, Zucker und Brösel und einen „besseren“ (meinte meine Oma) mit Topfen und Nüssen und Rosinen. Der „einfache“ war für mich, weil ich ihn nur so liebte – der „bessere“ schmeckte mir nicht 🙂

Also zurück zum Kochen. Sie kochte für uns mit ganz viel Hingabe und Liebe und wir schätzten das sehr. Ich liebte es, sie zwischen der Arbeit in der Küche zu besuchen, ihr zu helfen und mit ihr zu reden.

Als sie fast 80 Jahre alt war, kam es manchmal vor, dass manche Speisen nicht so 100%ig gelangen. Ab und zu waren sie versalzen oder ein wenig angebrannt. Das war aber egal, wir liebten ihr Essen und wir waren froh, dass sie noch immer für den ganzen „Haufen“ kochte. Das war nicht selbstverständlich, jeden Tag für 12-14 Leute ein ganzes Menü zuzubereiten.

1993 heiratete ich, mein Mann war gelernter Koch. Ich erinnere mich, dass sie eines Tages für mich wieder einen Griesschmarren machte und mein Mann ging hin, öffnete den Ofen und meinte, dass er diesen Schmarren mit Rosinen verfeinern müsse, denn dann wäre er besonders gut.

Das war wohl unser erster Krach! Ich liebte den Schmarren genau so, wie er immer war und ich war so wütend, dass er sich da einfach einmischte. Er meinte es gut und wollte nichts Böses, aber trotzdem hatte er damit etwas erreicht, was niemand wollte. Meine Oma fühlte sich plötzlich nicht mehr gut genug. Ein richtiger Koch war in die Familie gekommen, was sollte sie da noch ausrichten – sie hatte es sich ja nur selbst beigebracht!

Zweifel kamen in ihr auf, Ängste nicht gut genug zu sein, sie wollte nicht mehr kochen, redete sich darauf aus, einfach zu alt dafür zu sein usw. Es war nicht aufzuhalten. Sie zog sich zurück, kochte nicht mehr für alle, nach einiger Zeit überhaupt nicht mehr und eine alte, sehr schöne Tradition hörte nach und nach auf.

Es war schade und es tat mir sehr leid. Selbstzweifel und der Anspruch perfekt zu sein nahmen ihr ihre Freude am Kochen und uns die Freude am Essen ihrer Speisen.

Oft erreichen wir mit etwas, das wir gut meinen, genau das Gegenteil! Es muss nicht alles perfekt sein, es zählt ja letztendlich nur das Tun und die Freude am Tun und am Weitergeben.

Ich saß lange mit ihr zusammen und wir plauderten und ich schrieb mir ihre Rezepte auf.

Es passierte mir aber dasselbe, wie ihr. Ich traute mich nicht zu kochen, ich traute mich nicht zu experimentieren und ich fühlte mich nicht gut genug. Warum? Mein Mann war Koch, ein perfekter Koch noch dazu und hatte sehr hohe Ansprüche. Ich kochte so, wie es mir meine Oma beigebracht hatte und mir schmeckte es. Er kochte so, wie er es gelernt hatte und das schmeckte natürlich auch sehr gut, aber anders.

Er wollte mir zeigen, wie es besser geht – mit der Folge, dass ich mich zurückzog.

Er meinte es sicher nicht schlecht, aber er traf mich genau an meinen Zweifeln, nicht gut genug zu sein.

Ich brauchte Jahre um zu mir zu stehen und mir einzugestehen, dass ich nicht perfekt sein muss. Das es viel wichtiger ist, Dinge einfach auszuprobieren, zu experimentieren, auch etwas einmal zu verbrennen oder zu versalzen oder komplett zu verhauen und darüber zu lachen, wenn es daneben ging.

Meine Kinder waren da immer ganz nett, sie bedankten sich bei mir, wenn ich für sie kochte. Schmeckte einmal etwas nicht so gut, meinte Lukas immer: „Mama, danke für das Essen, das brauchst aber nicht mehr zu kochen, das ist nicht ganz so meines :-)“

Sie bedanken sich heute noch für JEDE Mahlzeit, die sie von mir bekommen!

Was können wir aus dieser Geschichte lernen?

  • sei dankbar für alles, was man für dich macht – auch wenn es nicht perfekt ist
  • zeig deine Wertschätzung und deine Dankbarkeit und mache etwas Getanes nicht herunter, du weißt nie was du beim Gegenüber anrichtest
  • du musst nicht perfekt sein, es zählt das Tun!
  • wenn du jemanden eine Freude machen möchtest, jemanden helfen, für jemanden da sein – tu es und denk nicht nach, ob es gut genug ist!
  • fang an und lasse deine Zweifel nicht die Kontrolle übernehmen
  • learning by doing ist besser als nur theoretisches Wissen
  • sei offen für Neues!

 

Der letzte Punkt ist für mich ein wichtiges Motto, obwohl ich es heute noch nicht zulasse beim Griesschmarren Rosinen rein zu geben !!!! 😉

Alles Liebe

Cornelia

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13 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Cornelia,

    wunderschöne =) tolle Geschichte. Ja , das mit den Selbstzweifeln ist schon so eine Sache. Bin gerade selber ins zweifeln gekommen, ob ich noch an mir zweifel. Das streben nach irgendetwas perfekten lässt uns nie wirklich ankommen. Gerade die unperfekte Vielfalt macht das Leben doch interessant.

    Lieben Gruß

    Matthias

    1. Ja genau – was ist schon perfekt? Gerade die kleinen Hoppalas können dich zum Lachen bringen, oder? Eine ganz tolle Frau hat mir einmal erzählt, warum sie keinen Führerschein hat.
      Ich habe Tränen gelacht, weil sie das so perfekt erzählt hat. Seitdem habe ich sie so richtig ins Herz geschlossen, weil sie so ehrlich war und sich nicht verstellt hat. Sie stand einfach dazu, dass es so ist, wie es ist. Das nenne ich PERFEKT!
      Liebe Grüße
      Cornelia

  2. Hallo conny, ich habe oma ihre eierspeiß geliebt. Es ist mir erst einmal gelungen seitdem sie nicht mehr da ist das sie genau so wie ihre geschmeckt hat – und man sollte meinen da kann man nichts falsch oder anders machen. Aber diese eierspeiß hat sie immer nur für mich gemacht, bevor ich abends nach hause bin und sie war einfach nur wunderbar…. Ich werde diesen Geschmack nie vergessen. Noch eines ich backe jetzt gerne und gut – verkaufe auch gut aber weißt was mir bei meinen ersten krapfen passiert ist
    ? Ich bekam das Rezept von deiner Mutter und sie hat mir die Germ nicht angesagt ( und man glaubt jeder weiß das es ohne germ nicht geht :)) aber ich wollte genau die gleichen krapfen machen wie sie und hab mir gedacht – sie macht das so – dann mach ich das auch so. Was waren das für kugeln… super… wir haben sie trotzdem gegessen. Aber gerade diese Sachen die super schief gehen merkt man sich und das macht doch das Leben interessant. Da muss ich auch noch auf den Spruch denken: Perfektionisten bauten die Titanic – Laien die Arche Noah.
    Lg daniela

    1. Du vergisst die Germ? 🙂 Das ist super. Es gab eine Zeit, da rief ich meine Oma an, wenn ich was kochen wollte. Einmal griff ich zum Telefon, nur um dann festzustellen, dass sie ja nicht mehr da ist. Jetzt koche ich ab und zu so mit ihr. Ist ja egal in welcher Form sie da ist 🙂

      Die Eierspeise die sie machte, würde bei einem Koch nie als solche durchgehen, aber du hast recht, sie war nie mehr so gut 🙂 Alles Liebe Conny

  3. Das lässt mich an eine Zeit zurückdenken, als wir noch ganz klein waren;-)
    Da standen so an die 7-8 Kinder in der alten Bauernstube um die Oma herum, und alle hatten so einen Gusto auf Butterbrot mit Honig…
    Auf dem Sofa lag Opa und im Hintergrund lief der alte Fernseher, der immer 5 Minuten brauchte, bis er sich mal anschalten liess;-)
    Was war das für ein Lärm und Durcheinander bis alle Kinder satt waren
    Aber Oma liess sich nicht aus dem Konzept bringen, obwohl sie zwischendurch mit dem streichen nicht mehr nachkam:-)

    Was hat das jetzt mit Perfektionismus zu tun?
    NIX
    Aber für mich war das damals perfekt

    Mir hat seitdem ein Butterbrot mit Honig nie mehr so gut geschmeckt wie damals

    1. Danke Christoph, mein Bruder schreibt ein Kommentar 🙂 Jetzt kullern mir die Tränen über die Wangen 🙂 Also wenn es das wirklich gibt, dann bin ich mir sicher, dass Oma gerade ganz zufrieden in einem großen, bequemen Stuhl sitzt, lächelt und weiß, dass sie gute Arbeit geleistet hat 🙂

      Wir sollten alle diese Innigkeit und dieses Miteinander, dass wir damals bei Oma hatten, zu Herzen nehmen und uns viel öfter treffen. Wir sollten uns nicht überlegen, was wir dann auftischen, damit alle zufrieden sind. Butterbrot mit Honig reicht ja, wo ich ja das Butterbrot mit Marmelade bekommen habe, schön in Streifen geschnitten 🙂

      Danke Christoph für deine Zeilen
      Deine Schwester

  4. Eine wunderbare Geschichte! Als Kinder sind wir zufrieden, wenn das Herz dabei zu spüren ist, dann fragt man nicht nach Etikette und Stil und dem ganzen Quatsch.
    Beim Patchworken hat man früher absichtlich einen Fehler eingebaut, denn „nur Gott ist perfekt“. Eine schöne Tradition.
    LG
    Sybille

  5. Liebe Cornelia,

    eine schöne Geschichte mit deiner Oma, das hat bestimmt lecker geschmeckt!

    Ja ja diese Zweifler in uns, die kenne ich nur zu gut. Gerade die letzten Tage standen sie auch wieder vor meiner Türe. Ich nehme einige Audioaufnahmen auf, sie sind nicht unbedingt perfekt, doch sie drücken mich aus. Wenn ich den Zweiflern die Türe öffne, könnte ich alle Aufnahmen einstampfen, doch ich lerne immer mehr, mich nicht um sie zu kümmern, lasse sie einfach stehen. 😉

    Herzliche Grüße
    Marianne

    P.S. ich lese immer gerne von deinen Geschichten

  6. Herrliche Geschichte. Hört sich für mich nach einer tollen Großmutter an.
    Ich nehme mir gerne daraus mit, dass man Menschen immer das Gefühl geben sollte gebraucht zu werden.

    Danke dafür

    Lg Johannes

  7. Hallo Conny!
    Schön was du über unsere Oma geschrieben hast!
    musste wieder über die schönen Stunden nachdenken,
    die wir bei Ihr verbracht haben.
    Wie du schon bei Christoph geschrieben hast wir sollten uns auch mal
    treffen und über die — (will nicht alten Zeiten schreiben) sondern frühern Zeiten
    unterhalten.
    Liebe Grüße an alle,
    Franzi

    1. Ja genau, das sollten wir tun. Wir sehen uns viel zu wenig. War beim Hoffest bei Franziska und es war einfach toll, diese Energie der Verwandtschaft wieder zu spüren 🙂
      Es sind doch unsere Wurzeln und die sind sehr stark 🙂 Vielleicht können wir etwas veranstalten?
      LG Conny

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